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Fortsetzung der Leseprobe 

Moment des glücklichen Pfirsichs

Sie entlohnte den Postboten mit einer frischen Waffel, überließ Paul für den Augenblick seinem klebrigen Schicksal, und begann vorsichtig das Papier zurück zu schlagen, nachdem sie ebenso vorsichtig seine Verschnürung beiseite geschoben hatte. Nun wurde auch der Absender sichtbar. In tiefblauer, etwas verwischter Tinte, stand dort zu lesen: Agathe Bienenstock, Obere Hirtengasse 25, Wien, Österreich. Mit einem raschen Seitenblick in Paul’s Richtung, gewahrte Jeannette, wie er in seinem Kinderhochstuhl emsig hin und her rutschte um auch einen Blick auf das, was die Mutter da in der Hand hielt, werfen zu können. Mehr um zu verhindern, dass er mit dem ganzen Gestell, aus dem er eigentlich schon herausgewachsen war umfallen könnte, schritt sie schnell zum hölzernen Küchentisch und breitete den seltsamen Inhalt vor ihrem schmatzenden Nachwuchs aus. Was gab es da zu sehen! Paul’s Augen blieben an einer riesigen braunen Muschel hängen, die, als die Mutter sie umdrehte, zwei Reihen mit weissen Zähnen freigab, und, um sein Erstaunen noch zu vergrößern, konnte er es aus dem Inneren ein Rauschen hören, als sie an sein rechtes Ohr gehalten wurde. Eine silberne, fein dekorierte Taschenuhr kam zum Vorschein, so eine, wie Onkel Tom sie meistens an seiner Weste trug – aber eigentlich noch schöner. Denn diese hier, so konnte er andächtig feststellen, hing sogar an einer funkelnden
goldenen Kette, die wohl nachträglich daran befestigt worden war. ‘Seltsam’, sagte Mutter, ‘hier ist noch etwas eingewickelt’, und schon bald schaute aus einem alten Stückchen groben Leinens etwas zackiges hervor. Es war ein recht großer Seestern, wunderbar erhalten – das war ja sehr passend, zwei Tage vor Heilig Abend, ein Seestern, nun ja, immerhin ein Stern. “Heiliger Bimbam”, entfuhr es Jannette kurz darauf, “was ist denn das?”Ja, so was”, rätselte die junge Frau, als sie das zusammengefaltete Bündel vorsichtig auseinander zog. Es schien kein Ende zu nehmen, eine endlose Ziehharmonika aus brüchigem Kästchenpapier. Mit vergilbtem Klebeband zusammengehaltene Seiten breiteten sich vor ihr aus – blitzschnell über Marmelade und Buttertiegel, bis beinahe hinüber zu Paul’s Haferbrei, und weiter abwärts zu Boden – “ein Papier Akkordeon” murmelte Jannette, und bestaunte die Kaskade der Ereignisse. Nun sah sie zu ihrem Sohn hinüber, der alles wie gebannt verfolgt hatte. “Oh Mum” entfuhr es seinem kleinen Schlemmermäulchen, “Oh Mum” und er schickte sich blitzschnell an über die Absperrung seines Hochsitzes zu klettern. Während dies alles sich in der bescheidenen Wohnküche von Jeannette Williborough, und ihrem Sohn Paul Williborough, am Donnerstag vor Weihnachten, im kleinen Folkstone, in der Grafschaft Kent, an der Ostküste Englands zutrug, ereignete sich in einem gemütlichen Wohnzimmer mit Standuhr, Klavier, rotem Perserteppich und knarrenden dunklen Eichendielen in der Hofburggasse 17A in Wien, etwas ganz anderes – nicht minder Erstaunliches.

 

Emanuel Kopferding, hatte das Gartenhaus in der Hofburggasse 17A zu Wien, fast auf den Tag genau, vor 43 Jahren mit seiner seligen Frau Gertrude angemietet. Damals zu 186 Schillingen im Monat, hatten sie heisses Wasser noch über einen großen Junkerschen Boiler im Bad bezogen. Trudchen, wie er seine

Frau liebevoll nannte, seine große Liebe seit dem Gymnasium, hatte er vor 2 Jahren zum Zentralfriedhof begleiten müssen, das war ihm sehr schwer gefallen, dieser Gang, von dem nur er, nach einem Leichenschmaus beim Guntner Wirt, in das still gewordene Eichenzimmer zurück gekehrt war. Nun stand Weihnachten wieder einmal bevor, und während er so in sich versunken im oliv farbenen Ohrensessel saß, kam ihm in den Sinn eine Reise zu machen – nun, es sollte eine Reise werden, die ihn tatsächlich weiter von zu Hause fort führen würde, als er es sich je hätte träumen lassen. Vorerst aber, saß Herr Kopferding also in seinem Lesesessel, in der gemütlichen Ecke beim zimmerhohen, mit Raritäten bestückten Bücherregal, von hinten behaglich gewärmt durch ein Schafsfell, dass Trudchen ihm einmal in einem recht kalten Winter vom Bauernmarkt mitgebracht hatte, und welches nun schon seit vielen Jahren die Rückenlehne dieses zentralen Möbelstücks komplett bedeckte.

 

Das ungewöhnliche Papiersammelsurium aus dem morgendlichen Päckchen lag inzwischen fein säuberlich zusammengelegt auf Jannette’s Schreibtisch in ihrem Arbeitszimmer im ersten Stock. Von dort bearbeitete sie zweisprachige Texte für einen kleinen Verlag in Brighton und übernahm gelegentlich Übersetzungen in ihre deutsche Muttersprache. Ein solches Manuskript wartete gerade auf Bearbeitung, aber über Weihnachten wollte sie gerne einmal etwas ausspannen und mehr Zeit mit ihrem Sohn verbringen. Sie waren schon etwas spät dran um die letzten Lebensmittel für die Feiertage zu besorgen – ah ja, und Nüsse durfte sie nicht vergessen, für den Kuchen, den sie noch backen wollte, und Eier – in ihrem Kopf wirbelte die Einkaufsliste herum, während Paul sich glücklicherweise schnell überreden ließ seine Gummistiefel anzuziehen. Als sie vor die Tür in die Sandgate Road traten, kam ihnen vom Strand her kalter Wind entgegen. Ihr schmales Reihenhaus lag nur 3 Parallelstrassen oberhalb der Promenade, was sie im

Sommer sehr genossen hatten, aber jetzt im Winter, konnte diese Nähe schon recht unangenehm werden. Der nächtliche Regensturm hatte große Pfützen zurück gelassen, und wie sie es schon geahnt hatte, machte Paul keine Anstalten in seinen Buggy zu klettern, sondern hüpfte mit seinen kurzen Beinchen noch etwas unbeholfen, aber quietschvergnügt von einer Lache zur nächsten. Jeannette freute sich auf einen gemütlichen Kaffeeklatsch mit ihrem Bruder, den sie seit dem gemeinsamen Osterurlaub nicht mehr gesehen hatte. Sie würde Gelegenheit haben Peter die seltsame Post von heute morgen zu zeigen, er konnte als gelernter Bauingenieur mit den fremdartigen Zeichnungen vielleicht etwas anfangen…...